Textquelle: „800 Jahre Auetal“ von Heinrich Munk.
Auf einer Länge von ca. 15 km führt die Bundesautobahn durch das Gebiet unserer Gemeinde. Über den Beginn der Bauarbeiten schrieb der Schulleiter von Escher, Lehrer Böhling, 1935: ,,Anfang August kamen die ersten Vermessungsabteilungen durch unsere Feldmark. Heute ist der 24. August. Schon stehen die roten Fähnchen, die den Weg zeigen, den die Autobahn, einmal nehmen soll.“ ,,Die Bauern von Altenhagen und Schoholtensen waren recht froh, als sie merkten, dass die Vermessungsarbeiten für die Reichsautobahn von Pohle südlich von Escher ausgeführt wurden. So war ihre Sorge, dass die Autobahn mitten durch ihre Ländereien führte und ihren Landbesitz halbierte, unbegründet,“ notierte damals Lehrer Noltemeier in Schoholtensen. Im September 1935 wurden in der Hattendorfer Feldmark die ersten Bohrungen und Bodenuntersuchungen durchgeführt.
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Vier Einwohner aus Hattendorf stellte noch 1935 das Autobahnbauamt als Vermessungsarbeiter ein. Die Bauarbeiten ruhten dann bis zum Frühjahr 1936. In den Wintermonaten des Jahres 1935/36 gab es in den Dörfern bei vielen Zusammenkünften nur ein Thema: Der Bau der Reichsautobahn durchs Auetal. Bei der Abschätzung der Ländereien sagte ein Vertreter der Abschätzungskommission: ,,Ich habe schon viele Bahnen abgeschätzt und immer behaupten die Bauern, dass gerade das Stück Land, durch das die Bahn gebaut werden soll, das ,Filet‘ ihres Hofes sei, aber so viele Schwierigkeiten wie hier in Hattendorf habe ich noch nie gehabt.“
Als die Bauern erfuhren, dass die Autobahnverwaltung für einen Morgen Ackerland 1200 bis 1400 Reichsmark zahlen würde, da strahlte so mancher Verkäufer, denn der Preis für einen Morgen Land lag gewöhnlich bei 600 bis 800 Reichsmark. Im Juni1936 wurden die Bauleistungen für die Autobahnstrecke Hannover – Herford ausgeschrieben. In der Gemarkung Escher begannen die Bauarbeiten am 7. März 1937. ,,Lastkraftwagen fuhren Bretter, Balken und Werkzeuge an. Eine neue Mischmaschine wurde mitgebracht uns einstweilen auf Grupen Wiese gefahren. Jeden Abend hörte man das Brummen der Lastkraftwagen, die das Material auf die Wiese fuhren. Zunächst waren nur vier oder fünf Arbeiter hier, die nun damit begannen, Ordnung zu schaffen.
Balken und Bretter wurden gestapelt. Gleichzeitig wurde mit dem Barackenbau begonnen. Sehr schnell entstanden die Holzbaracken auf Grupen Wiese an der Straße. Sauber wurden die Schuppen aufgestellt, in denen viele Monate die Arbeiter hausen werden. Die Baracken erhalten einen grünen Anstrich. Vor denselben werden kleine Blumenbeete erstehen und in denselben werden sauber mit Wachstuch gedeckte Tische Aufstellung finden. Jetzt können die Haupttruppen der Brückenbauer kommen,“ vermerkte Lehrer Böhling.
Auch in der Gemarkung Hattendorf war ein Barackenlager entstanden. 200 m unterhalb des Dorfes, zwischen dem Wormsthaler Kirchweg und der Straße nach Kleinholtensen, standen auf Pfarrländereien die Schuppen, in denen Reparaturwerkstätten untergebracht waren. Vor dem Wierser Walde stand ebenfalls ein Lager. In Hattendorf wohnten fast 200 Arbeiter in Privatquartieren. Die Arbeiter zahlten für den Schlafplatz wöchentlich fünf Reichsmark. In manchen Häusern wohnten bis zu sieben Arbeiter.
Die fremden Arbeiter, die von einer Gemeinschaftsküche verpflegt wurden, brachten doch einige Unruhe in die stillen Dörfer des Auetals. Beispielsweise warfen sie oft ihr Frühstücksbrot weg, regelmäßig zogen die Schulkinder zu den Plätzen und sammelten das Brot ein und verfütterten es an Hühner und Schweine. Den Streckenabschnitt Wiersen – Rehren baute die Firma Backhaus aus Paderborn, die mehr als 600 Arbeiter beschäftigte. Lokomotiven schafften viele Wagenladungen Sand von Meiers Brink in Westerwald heran. Mit dem Sand wurde der Fahrdamm aufgeschüttet. Der Schulleiter in Rehren schrieb im Sommer 1938: ,,Die Arbeiten an der Reichsautobahn machen gute Fortschritte. Die Brücke hinter dem Dorf soll zum 1. Juli fertig sein. Dann soll mit dem Bau der Fahrbahn begonnen werden. Nunmehr ist es sicher, dass Rehren eine Auffahrt auf die Reichsautobahn bekommt.
Sie soll in die Baulücke zwischen die Wohnhäuser der Familien Schamhorst und Riechert gelegt werden. Das Baugelände ist bereits abgesteckt. Durch den Bahnbau verliert die hiesige Gemeinde 30 bis 35 Morgen Land, das zum großen Teil zu den besten Bodenklassen gehört. Zahlreiche kleine Stellen erleiden eine beträchtliche Einbuße an Land. Um so erfreulicher ist es, dass der Bauer Nr.1, Herr Söffker, 11 Morgen an die Bauleitung verkauft hat (pro Morgen 1150 RM). Dieses Land soll an die geschädigten Besitzer abgegeben werden bzw. eingetauscht werden. Die Zimmerleute, die auf der Baustelle tätig sind, stammen aus Hessen, Nassau und Thüringen. Sie sind in der Mehrzahl verheiratet und fahren alle vier Wochen auf Freifahrschein zu ihrer Familie.“
Die Kaufleute und Gastwirte steigerten in dieser Zeit ihre Umsätze beträchtlich. Lehrer Karl Grote in Hattendorf notierte: ,,Besonders die Gastwirtschaften haben tüchtig verdient. Wenn auch ein Teil der Arbeiter, besonders das gelernte Stammpersonal der Firma Backhaus‘ sparsam und sittsam war, so gab es doch eine Menge, die den überreichlichen Verdienst – 100 Reichsmark pro Woche – restlos vertranken. Am Freitag gab es Löhnung, dann wurde gesoffen bis Montagabend, von Dienstag bis Freitag wieder gearbeitet, die versäumten Stunden durch sogenannte ,Überstunden‘ wieder herausgeholt. Neben diesem materiellen Gewinn stehen doch ländliche Sitte und ländliches Brauchtum in arger Gefahr. Viele, ja die meisten Arbeiter sind aus der Großstadt und bestimmt nicht die besten von dorther. Ihr Gebaren gibt Jugend und Alten ein sehr schlechtes Beispiel.“
Der Lehrer Ewald de Boer hielt ähnliche Erfahrungen in der Escher Schulchronik fest: ,,Durch den Bau der Autobahn hat das Dorf einen Zuwachs von fremden Arbeitern erhalten, die vorwiegend aus Schlesien, stammen. Diese Menschen sind lange arbeitslos gewesen. Viele von ihnen sind rücksichtslos und brutal. Oft kommt es zu Schlägereien. Die Dorfgemeinschaft wird durch diese Zuwanderer gestört und vernichtet. Sie lachen und spotten über die Arbeit der Bauern. Geld verdienen sie genug, reicht es ihnen nicht, dann werden Schulden gemacht. Solche Menschen hätten lieber in der Stadt bleiben sollen.“
Am 15. Oktober 1938 war die Brücke bei Escher über die zukünftige Fahrbahn fertiggestellt. Am 27. Januar 1939 wurden auf der Baustelle an der Straße nach Rannenberg am Südausgang des Dorfes Rehren, in Höhe des Kilometersteins 8 an der rechten Straßenseite einige Knochen gefunden. Man war bei den Bauarbeiten auf einen fränkisch-karolingischen Friedhof gestoßen. Mitte des Sommers 1939 liefen die Bauarbeiten auf hohen Touren. Lehrer Beißner schrieb im Julie 1939: ,,Die Fertigstellung der Autobahn wird mit allen Mitteln beschleunigt. 60 Pioniere sind zu Sprengarbeiten herangezogen. Arbeitsdienst und freiwillige Helfer, besonders NSKK, greifen mit ein. Schwere Lastwagen rasseln Tag und Nach durch das Dorf. Sie versetzen die Straße in einen fürchterlichen Zustand.“
Am 24. September 1939 meldete die Schaumburger Zeitung: ,,Trotz starken Einsatzes der deutschen Wirtschaft bei Befestigungsarbeiten und zur Instandsetzung der Wege und Brücken im Osten hat der deutsche Straßenbau am 23. September zwei weitere Reichsautobahnteilstrecken, und zwar zwischen Herford und Bad Nenndorf bzw. zwischen Frankfurt am Main und Limburg in der Gesamtlänge von 109 Kilometer fertiggestellt.“ Sechs Jahre vorher hatte der Führer bei Frankfurt den ersten Spatenstich getan.
Der Autobahnabschnitt im Auetal mit der Talbrücke bei Oelbergen ist dem Gelände gut angepasst. Er bildet sogar mit der einheitlich als Gewölbereihe gestalteten Brücke aus Sollingsandstein eine Bereicherung des Landschaftsbildes. Die Autobahn Hannover – Bad Oeynhausen und damit die kurze Strecke durchs Auetal gehört heute als Teil der Europastraßen E 3 (Lissabon – Paris – Hannover – Flensburg – Stockholm) und der E 8 (London – Den Haag – Hannover – Warschau) zum ,,Genfer Netz Europäischer Straßen für den internationalen Durchgangsverkehr“. (Quelle: Heinrich Munk „800 Jahre Auetal“)